2020 – 2026 (ongoing)
2020 – 2026 (ongoing)
„Die politische Krise im Zuge der Pandemie hat bewiesen, mit welcher Gewalt und Ignoranz viele beschworenen Normen in unserer Gesellschaft Menschen ausschließen: [...] Die Norm der Familie und Partner*innenschaft. Die Norm der Kernfamilie als sicheren Hafen. [...] Etwa gleichzeitig wurde von queeren Menschen Kritik an den Regelungen in vielen Bundesländern zur Kontaktbeschränkung an Weihnachten laut: Wenn Menschen nur mit ausgewählten Personen aus ihrem nächsten Familienkreis feiern dürfen, was gilt dann als Maßstab für diese Form der Verbindung? Blutsverwandtschaft - so ganz archaisch? Was ist, wenn ich die Feiertage nicht mit dem grantigen Naziopa, sondern mit meiner besten Freundin verbringen will, mit der ich mein Leben teile? Was ist mit selbst gewählten Familien, Lebensgemeinschaften, die sich der traditionellen Verbindung durch Blutsverwandtschaft und Ehe entziehen?“ 1
Unsere Gesellschaft versteht das Modell der traditionellen westlichen Familie weiterhin als politische Institution und als zentralen Maßstab subjektiven Wohlbefindens. Sie fungiert als normatives Ideal für Sicherheit, Stabilität und soziale Zugehörigkeit und wird sowohl kulturell als auch institutionell abgesichert. In der Arbeit Wahlverwandtschaften stellt Ritchie dieses hegemoniale Familienbild infrage. Die Fokussierung auf enge Freund*innenschaften und selbst gewählte Beziehungen macht sichtbar, dass Fürsorge, Loyalität und emotionale Verbundenheit als soziale Praxis entstehen und alternative Familienformen bilden, die bislang systematisch marginalisiert werden und deren gesellschaftliche Anerkennung weiterhin erkämpft werden muss.
1 Seyda Kurt, Radikale Zärtlichkeit, S. 18 - 19